In was für einer Welt leben wir eigentlich? Angst und Bange könnte mir werden. Verrückte Terroristen wollen uns an den Kragen. Das Klima geht mitsamt den Gletschern den Bach runter. Und meinen Job macht bestimmt bald ein Roboter. Und zwar besser.

Reise und werde glücklich, schreit man mich an, aber echt jetzt? In die Fremde fahren, dorthin, wo mir nur die Wahl bleibt zwischen Polizeistaat oder Bananenrepublik, Menschenunrecht oder Hundeschnitzel, Malaria oder Scharia? Es ist so gefährlich da draußen: Im besten Falle wollen sie nur mein Geld, im schlimmsten meinen Kopf. Und stelle ich mich nicht auf die Seite der Schurken, der Gewissenlosen, wenn ich trotz all der Unbill in solche Länder reise? Finanziere ich mit meinem Urlaubsgeld die goldenen Wasserhähne der Diktatoren?

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Man könnte auf solche Gedanken kommen, wenn man die Schlagzeilen liest. Denn der natürliche Zustand einer Nachricht ist das Drama. Das, was dringlich genug für eine Veröffentlichung erscheint, ist meistens eine schlechte Nachricht. Und da uns jede Katastrophe am anderen Ende der Erde in Windeseile berichtet wird, ergibt sich ein verzerrtes Bild einer Welt, die unaufhaltsam in einen Abgrund schlittert. Wer meint, dass die Tagesschau ausgewogen die Realität des Lebens zeigt, lebt in einer wahrhaft grausigen Zeit.

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Es ist die richtige Frage, nur die Betonung muss stimmen – keine Resignation, sondern Neugierde will ich hören! Denn allen schlechten Nachrichten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, stehen mindestens ebenso viele erfreuliche gegenüber.

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In was für einer Welt leben wir eigentlich? Es ist der Ort, an dem ich Menschen wie Reza treffe. Er ist Soldat an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran, und trotz der Kalaschnikow über der Schulter ein ausnehmend herzlicher Mensch. »Welcome to Iran!«, ruft er, und winkt mich heran. Er notiert die Adresse seiner Familie, falls ich in seinem Heimatort vorbeikomme.

Es sind die Menschen in Bangladesch, die mir stolz ihr Land zeigen, und sich freuen, dass sich jemand für sie interessiert, und sie nicht nur als Symbol für Ausbeutung und schlechte Arbeitsbedingungen wahrnimmt.

Es sind die beeindruckenden Naturspektakel, die mich ehrfürchtig machen vor der Kraft und Schönheit eines jeden Kontinents, wie die Wildnis Tasmaniens, die eisige Einsamkeit am winterlichen Yukon und Begegnungen mit den Gorillas in Uganda. Aber auch die unscheinbaren Wunder, die man nur findet, wenn man ganz genau hinsieht, zum Beispiel wenn sich die Natur einen verlassenen Ort zurückerobert.

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Vom kambodschanischen Angkor bis ins deutsche Mittelgebirge zeugen Tempel und Festungen der letzten Jahrtausende vom ewigen Kampf der Menschen um ein besseres Leben, um Macht und um Liebe; von Größenwahn und Niedergang, Veränderung und Stillstand. Plätze von frivolem Reichtum und furchtbarer Gewalt.

Die Welt ist heute nicht schlechter als vor fünfzig oder tausend Jahren. Ich würde sogar behaupten, ganz im Gegenteil, den meisten Menschen geht es besser, sie leben länger, sind freier, haben mehr Möglichkeiten.
Noch nie war es so einfach zu reisen. Und niemals war es leichter, einen kleinen Beitrag zu leisten, damit es auch den Menschen, die weniger Glück haben als wir, ein bisschen besser geht. Das kann etwas großes sein, wie ein Brunnenbau in Uganda. Oder auch nur, dass ich dorthin reise, wo Menschen mit den Tourismus­Einnahmen ein kleines Gewerbe aufbauen können. Und zwar gerade dort, wo die Bewohner des Landes unter Unfreiheit und wenigen Optionen leiden.

Es ist leicht, sich in Paranoia zu verlieren. Doch mit einem offenen Blick sieht man: Wir leben in einer faszinierenden Welt, und es ist wunderschön, wenn man das Privileg hat, sie selbst entdecken zu können. Keine Fernsehdoku, kein Reiseblog und auch kein Buch kann das ersetzen.

Aber es ist ein Anfang.

Lust auf mehr? Dann schnell in den Buchhandel und “The Travel Episodes: Neue Geschichten für Abenteurer, Glücksritter und Tagträumer” aus dem Regal reißen und verschlingen – bezahlen nicht vergessen. Alternativ natürlich auch über Amazon erhältlich.

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Johannes Klaus

von

Blogger, Grafiker, Reisender. Sein Blog Reisedepesche wurde 2011 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Seit 2013 ist Johannes Klaus Herausgeber von Reisedepeschen, einem führenden Reisegeschichten-Portal. The Travel Episodes ist sein neues Baby. Er mag Apfelschorle in 0,5l-Flaschen und lebt in Berlin.

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(6) Kommentare Schreib mir was!

    • 3. Januar 2017

    Ich glaube, den schlechten Nachrichten stehen sehr sehr viel mehr gute gegenüber. Ich kenne viele Reisende, die nach ihrer Rückkehr von dem einen schlechten Tag aus 135 guten erzählen. Vom Überfall oder wie sie von den bösen Einheimischen um 50 Cent betrogen wurden. Das schärft natürlich den Blick für das Schlechte, unseren eigenen und den unserer Zuhörer. Deshalb freu ich mich, wenn jemand das Gute erzählt! Macht weiter so!

    • 3. Januar 2017

    Ich mag deine Überleitung, wie man durch das Reisen und Kennenlernen von komplett fremden Leuten das schöne und freundliche auf der Welt findet.

    Ich kann das mit meiner Reisen auch nur bestätigen, jedoch ist es in manchen Ländern leider schon schwierig solche Situationen zu haben. Im letzten Jahr in Australien beispielsweise, traf ich viele nette locals, in dem ich mich komplett abseits der backpacker Hot Spots aufgehalten habe. In Indien, wird man zuerst als wandelndes Geldbündel gesehen und muss erst mal eine Scharr von Verkäufern und Taxifahrern abwimmeln. In den USA ging ich einen Long-distance-Trail und wurde fast täglich von Fremden mit einer kalten Cola oder Poptarts überrascht.

    Es braucht schon viel Mut und Selbstvertrauen neue Wege finden und an Orte zu reisen die nicht gerade die in den Top 10 auf TripAdvisor aufgelistet sind aber ich finde das macht doch das Reisen aus ;)

    • 7. Januar 2017

    Hey Johannes,
    ein sehr schöner Artikel. Ich glaube auch das sich die Welt nicht verschlechtert hat, sondern dass nur einfach mehr übers Schlechte berichtet wird. Ich meine anders lassen sich ja schließlich keine Schlagzeilen machen.

    Viele Grüße,
    Julian

    • 7. Januar 2017

    Schöner Artikel Johannes! Ich sehes es ähnlich wie du. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen einen verstärkten Fokus auf das Negative haben. Die Nachrichten verkaufen sich nun einmal besser, wenn es ums Drama geht.

    Es passieren sicherlich schlechte Dinge auf der Welt, doch macht es wirklich Sinn, den Fokus darauf zu richten, und in Angst zu leben? Aufgrund solcher Dinge möglicherweise eine Reise nicht anzutreten?

    Ein großes Hemmnis, was man abstreifen muss, sonst ist ein Mensch meiner Meinung nach nicht frei in seinem Handeln…

    Beste Grüße,
    Deniz

    • 19. Januar 2017

    Hi! Ein wirklich toller Artikel, der zum nachdenken anregt. Ich habe einige Leute in meinem Freundeskreis, die 1 Jahr als Backpacker unterwegs waren. In Australien, Asien, USA. Und sie alle hatten ausschließlich positive Dinge zu berichten.

    Ich finde man muss sich auf andere Menschen und deren Kultur einlassen und sich nicht durch Nachrichten oder Erzählungen beeinflussen lassen.

    Bei uns in der Heimat gibt es die Rhön, in der ich schon viel Zeit verbracht habe, wenn ich Fernweh hatte. Sie ist eigentlich unmittelbar in der Nähe, aber jedes mal wenn ich dort bin, fühle ich mich weiter weg von zu Hause, als ich eigentlich bin. Auf jedenfall einen Besuch wert :-)

    Toller Blog, mehr davon!

    Gruß

    Ayleen

    • 3. Februar 2017

    Hallo Johannes,
    Ja, in was für einer Welt leben wir eigentlich? Ich bin Deiner Meinung, in einer tollen Welt! Viele Menschen sind so gefangen in ihrem Alltag, hören sich nur die bösen Nachrichten an und das Glas ist immer halb leer….
    Aufwachen und reisen, offen sein für andere Länder und fremde Kulturen, faszinierende Natur erleben, viele wissen gar nicht was sie verpassen.
    Toller Beitrag!
    Viele Grüße
    Kirsten

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