Fotocredits Titelbild: Copyright Hans Splinter

1888 legte Sinterklaas das erste Mal in den Niederlanden an, bekannt als Sinterklaas intocht. Jedes Jahr kommt er mit seinen Helfern den Zwarte Pieten aus Spanien herübergefahren, um die niederländischen Kinder mit Geschenken zu erfreuen. Ursprünglich diente er auch als Schutzpatron der Seefahrer. Mittlerweile erregt der Zwarte Piet aber die Gemüter. Die Frage nach Rassismus kommt auf.

Was ist Sinterklaas intocht?

Wie ein Bischof gekleidet reitet er nach dem Anlegen auf Schimmel in die Stadt. Seine Ankunft kündigt den Beginn der Sinterklaas-Saison an, die am Abend des 5. Dezembers im Rahmen eines Familienfestes mit Bescherung ihren Höhepunkt findet. Pepernoten (lecker! – keksähnlich mit Anis) und Chocoladeletter sind traditionelle Süßigkeiten. Letzteren schenkt man sich am 5. Dezember, entweder allgemein als „S“ für Sinterklaas oder als entsprechende Initialen.

Es ist sozusagen das holländische Weihnachtsfest. Zu Weihnachten gibt es in den Niederlanden nicht nochmal Geschenke. Und auch spielt das Weihnachtsfest dort eine eher untergeordnete Rolle.

Kaum ist Sinterklaas im Lande, legen die Kinder ihre Stiefel vor die Tür, schreiben Wunschzettel und denken natürlich auch an Schimmel, für den Wasser und Heu neben den Stiefeln bereit gestellt werden.
Traditioneller Weise legt Sinterklaas am 17. November an, doch seitdem es die dazugehörige TV Show gibt (seit 1952), muss das Ankunftsdatum auf einen Samstag gelegt werden.

Der Kult wird auch stets weiter entwickelt, seit ein paar Jahren kann man Sinterklaas nun auch bei der Abfahrt nach Hause im TV sehen. Und als einige Kinder anfingen ihren Eltern unbequeme Fragen über Sinterklaas‘ Originalität zu stellen, entwickelte man die Helpers-Theorie. Helpers sind all die anderen wie Bischöfe gekleideten Männer, die zur selben Zeit im Lande sind und Geschenke verteilen. Zum Verwechseln ähnlich, aber eben nicht das Original.

Wenn niemand es rassistisch meint, ist es dann Rassismus?

Sinterklaas intocht ist ein wahres Spektakel in den Niederlanden, von dem man hier zu Lande nichts mitbekommt. 

2013 machte der Zwarte Piet bereits Furore bei der UN. Ein Komitee wurde gegründet, um herauszufinden, ob der niederländische Brauch rassistisch ist. 
Dieses Jahr kam es sogar zu Protesten, weil sich schwarze Niederländer durch die Figur des Zwarte Pieten diskriminiert fühlen.

Gegner argumentieren, dass die schwarz angemalten Helfer Sklaven des Nikolaus symbolisieren und der Brauch ein Relikt aus der niederländischen Kolonialzeit sei und somit heute abgeschafft gehöre. 
Umfragen haben ergeben, dass kaum jemand in den Niederlanden die Zwarte Pieten als Sklaven versteht.

Ich erinnere mich als mir eine holländische Freundin zum ersten Mal von Sinterklaas intocht erzählte. Ich war zugegebener Maßen einwenig verblüfft über die schwarzen Begleiter von Sinterklaas. Vor allem, dass man soviel Wert darauf legt, dass sich weiße Niederländer extra schwarz anmalen. 
Die Befürworter der Tradition meinen, dass das Schwarz vom Kaminruß herrühre, durch den die Mitarbeiter hindurch müssten, um die Geschenke zu den Kindern zu bringen.

Aber wenn man ehrlich bleibt und das Alter der Tradition bedenkt, hat die Konstellation einen rassistischen Charakter. Es ist das übliche Bild vom weißen Herrscher mit schwarzen Untergebenen.
Die Stadt Gouda hat deshalb Sinterklaas zum ersten Mal auch einen Käse-Peter und Stroopwafel-Peter an die Seite gestellt.

Es wird interessant sein zu sehen, wie sich der Sinterklaas Brauch in den nächsten Jahren entwickelt.
Ob vielleicht auch mal ein schwarzer Sinterklaas mit weißen Petern anlegen wird?

Edit vom 18. November 2014:

Auf Facebook gab es mit dem Historiker Oliver Zwahlen (Weltreiseforum, Der Sinograph) eine ganz interessante Diskussion dazu, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Oliver Zwahlen: „Ich verstehe die Reaktionen auch nicht so ganz. Ich sehe diesen Schwarzen Peter ohnehin eher als ein Mahnmal GEGEN Rassismus. Denn er erinnert an dunkle Aspekte der europäischen Vergangenheit: die Sklaverei. Sobald wir beginnen, die Erinnerung an Fehler zu verbieten, besteht die Gefahr, dass wir Fehler wiederholen.“

Marianna: „Ich bin da einwenig anderer Ansicht. Ich seh da tatsächlich einen rassistischen Charakter. Wie auch im Blog geschrieben, wird hier einfach ein Stereotyp gepflegt und das klassische Bild des weißen Herrschers wieder und weiter als normal dargestellt. Am absurdesten ist aber die Tatsache, dass sich hier Weiße stereotypisch als Schwarze verkleiden. Ich kann die aufgebrachte Seite da schon verstehen, dass sie sich diskriminiert fühlt.“

Oliver Zwahlen: „Weißt du, Geschichte an sich gibt es nicht. Es ist immer eine Interpretation (und sehr oft auch eine Instrumentalisierung). Die Frage ist daher letztlich überhaupt nicht, ob die Tradition rassistisch ist oder nicht, sondern wie wir diese Traditionen interpretieren. Eine Diskussion um diese Problematik finde ich sinnvoll. Aber wenn diese Tradition nun einfach abgeschafft würde, dann geht meiner Meinung nach genau das verloren, was sie eben auch ist. Ein Mahnmal gegen den Rassismus.“

Marianna: „Bin ich soweit ganz deiner Meinung. Die nachträgliche Nationalisierung von Revolutionen (siehe 19. Jh.) etc ist ein gutes Beispiel dafür, dass Geschichte oft auch instrumentalisiert wurde und wird.
Und eben die Frage nach der Interpretation ist ja die, die sich hier stellt. Und da gehört der Kontext der Entstehung und die aktuelle Wahrnehmung beider Seiten hinzu.
Ich bin nicht für eine Abschaffung von Sinterklaas. Aber finde schon, dass es durchaus angemessen wäre, wenn Sinterklaas auch weiße Helfer hat oder Sinterklaas vielleicht mal selbst schwarz ist.
Für eine gebildete Oberschicht mag das als Mahnmal verstanden werden, wenn Eltern entsprechend viel Aufklärung geben.
Viele andere nehmen aber einfach das Bild „Weiße herrschen über Schwarze“ daraus mit. Und das ist nun wirklich obsolet!“

Mich würden eure Meinungen zu dem Thema auch interessieren.

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Marianna

von

Marianna ist Hamburgerin mit griechischen Wurzeln, studierte in Berlin Literatur-, Kultur- und Rechtswissenschaften und arbeitete in Indien, Griechenland und München. Sie lebt in Berlin, ist als Autorin, Webdesignerin und Fotografin tätig und ist süchtig nach frischem Koriander.

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            • Hier erwähnt: We zijn in Nederland, we zijn in Nederland - Reisedepeschen

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