„Fuck fuck fuck fuck fuck fuck!“ Ich kann gar nicht mehr aufhören zu fluchen. „Shit, ist das kalt! Und überhaupt: Was mache ich eigentlich hier?“

Immer und immer wieder stelle ich mir diese eine Frage, während das eisige Wasser der irischen See zuerst in meine Schuhe sickert und dann über meine Knöchel und hoch über Knie und Hüfte schwappt. “Los, rein da! Ganz abtauchen, auch mit dem Kopf!“ Jordan lacht. Lacht er uns etwa aus? Verübeln könnte ich es ihm nicht – wir sehen bestimmt jämmerlich aus, wie wir mit angespannten Muskeln und leidendem Gesichtsausdruck in Zeitlupe ins Meer waten.

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Jordan, ein cooler Typ mit Charme und Witz, ist heute unser Guide und er macht das, wo von wir zuvor noch nie etwas gehört haben, bereits seit neun Jahren: Coasteering. Während wir auf Holy Island, dem nördlichsten Zipfel von Wales, in voller Montur mit Neoprenanzug, Schwimmweste und Helm zu Fuß zur Küste laufen, erklärt er uns, was auf uns zukommt:

„Macht euch auf ein Abenteuer gefasst! Wir werden gleich an den Felsen quer entlang klettern, manchmal nur wenige Meter über dem Wasser, manchmal etwas höher. Geht der Weg einmal nicht weiter, springen wir von der Klippe ins tosende Meer, schwimmen zum nächsten Felsen und klettern weiter.“

Mir schlottern die Knie, nicht nur wegen der Kälte…

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„Coasteering ist viel mehr als nur eine Sportart. Es ist eine Möglichkeit, die Natur aus einer ganz anderen Perspektive zu erfahren.“ Es ist offensichtlich, dass Jordan für sein Hobby, seinen Beruf, seine Leidenschaft brennt. Doch während der kurzen Rede gelingt es ihm nicht, die Begeisterung auf mich zu übertragen.

Nur schon der Gedanke an die bevorstehende Herausforderung verursacht bei mir akute Fluchtgedanken. Soll ich Menstruationsschmerzen vortäuschen? Einen Migräneanfall simulieren? Oder so tun, als ob mir schwarz vor Augen wird? Alles viel zu offensichtlich und schauspielern kann ich sowieso nicht… Ich komm hier nicht weg. Meine Laune ist im Keller. Der wolkenverhangene Himmel passt gut zu meiner Gemütslage.

Jetzt hilft nur noch eins: Mitmachen!

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Inzwischen steht uns allen das Wasser bis zum Hals (im wahrsten Sinne des Wortes) und so beginnen wir zu schwimmen. Jordan krault lässig an uns vorbei und steigt als erster auf die naheliegenden Felsen. Wir tun es ihm nach, klammern uns fest und ziehen uns hoch. Dann hüpfen, springen und klettern wir von einem Fels zum nächsten.

Während die Anderen elegant, ja schon fast anmutig von Stein zu Stein schweben, kraxle ich unbeholfen auf allen Vieren vorwärts und versuche schwankend auf der rutschigen Oberfläche mein Gleichgewicht zu halten.

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Vermutlich hat Jordan bereits jegliches Interesse an mir verloren, als ich mich mühselig in den unsexy Wetsuit zwängte (man stellt sich diesen hautengen Ganzkörperanzug ja immer unglaublich verführerisch vor – ist er aber nicht! Jedenfalls nicht an mir…). Spätestens bei meinem jetzigen Anblick, begrabe ich jede Hoffnung auf einen Flirt.

Was solls, mir ist sowieso nicht nach Flirten zumute, denn ich habe Angst! Angst vor dem was gleich auf mich zukommt. Angst vor der Höhe, aus der ich runterspringen werde. Angst vor den Felsen, an deren spitzen Kanten ich mir den Kopf stoßen und stürzen könnte und an Ort & Stelle verbluten würde.

Ich bin ein Schisser. Ein Hosenscheißer. Ein richtiger Angsthase.

Diese abenteuerlustigen Adrenalin-Junkies konnte ich noch nie verstehen. Viel lieber würde ich mit der alten Eisenbahn auf den Mount Snowdon tuckern und durch die wunderschöne Landschaft wandern. Oder die vielen Schlösser und Burgen der Umgebung bestaunen. Oder gemütlich am Strand entlang spazieren. Oder aber den Schafen beim Grasen zusehen. Für wenige Sekunden träume ich mich weg.

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„Vertraust du mir?“ Mein Blick schweift zu Jordan und dann an ihm vorbei den Abgrund hinunter, acht Meter in die Tiefe. „Dort musst du hinspringen!“ Er deutet mit seinem Zeigefinger auf eine präzise Stelle im Wasser. Überall ragen Felsbrocken aus dem Meer, Wellen schlagen dagegen, schäumen, die Gischt spritz hoch. Er scheint die Zweifel in meinen Augen lesen zu können. „Keine Angst, ich kenne diese Gegend wie meine Westentasche.“

Es ist zu spät für einen Rückzieher. Nicht nachdenken, machen! „Ja, ich vertraue dir“, flüstere ich noch mit zittriger Stimme und schon befinde ich mich im freien Fall.

Wie kam es eigentlich dazu, dass ich jetzt hier im Sturzflug auf die irische See zusteuere? Die ganze Geschichte: 

„Ich kann das!“ Wie ein Mantra wiederhole ich diese Worte in Gedanken, während ich in den Wellen schwimme, der Küste entlang klettere, von Stein zu Stein hüpfe und kerzengerade oder an niedrigeren Stellen kopfüber in die Fluten springe. Immer und immer weiter.

Dann die Überraschung: Es macht Spaß! Ja, sogar großen Spaß! Vom Herzrasen vor dem ersten Sprung ist nichts mehr zu spüren. (Ok, fast nichts. (Ok, manchmal kreische ich noch. (Ok, nicht nur manchmal.)))

Es gelingt mir den Kopf auszuschalten, die Ängste zu vertreiben und mich auf das Abenteuer einzulassen. Ich fühle mich frei und lebendig. Und tatsächlich sehe ich die Natur aus einer ganz anderen Perspektive, bin Teil von ihr.

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Wir zwängen uns durch eine Felsspalte, hinein in die sogenannte „Waschmaschine“, eine Brandungshöhle in der das Wasser unkontrolliert hin und her braust. Dann geht’s noch einmal hoch, ein letzter Sprung in die Tiefe und das Vergnügen ist vorbei. Ich bin die letzte, die den steinigen Hügel zum Hochufer hinauf steigt.

Oben angekommen drehe ich mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal aufs Meer hinaus, spüre den frischen Wind, der mir ins Gesicht weht, schmecke das Salz auf meinen Lippen und bin glücklich.

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Klitschnass stapfen wir erst über die Wiese und dann auf der Quartierstraße zurück zum Anglesey Adventure Centre, wo wir uns eine heiße Dusche gönnen – was für eine Wohltat! Während ich mich unter fließendem Wasser aus dem Wetsuit quäle, frage ich mich, weshalb ich es geschafft habe meine Angst zu überwinden.

War es die wunderschöne Kulisse der walisischen Landschaft? Der gute Teamgeist unserer Gruppe? Oder doch das kecke Lächeln Jordans und seine herausfordernden Sprüche? Was auch immer der Grund war, der heutige Tag hat mich auf jeden Fall große Überwindung gekostet. Ein Meilenstein in meiner Abenteuerkarriere.

Nordwales steckt voller Abenteuer. Flatternde Knie und Herzrasen hatte ich daher auch noch bei anderen Aktivitäten:

  • Bei Surf Snowdonia, einem Surfpark mit künstlich erzeugten Regenwasser-Wellen, habe ich mich zum ersten Mal aufs Surfbrett gewagt …und bin kläglich gescheitert.

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  • Den Mountainbikern habe ich dieses Mal nur zugeschaut. Ein Grund zurück zu kommen?

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  • Im weltweit größten unterirdischen Abenteuerparcours, den Zip World Caverns, habe ich meine Höhenangst überwunden und bin in schwindelregender Höhe an den Felsen entlang geklettert, über wacklige Hängebrücken balanciert und an der Zip-Line quer durch die Höhle gesaust.
  • In der Zip World Titan bin ich an einem dünnen Stahlseil hängend mit über 100 km/h über grüne Hügel, blumige Wiesen und Bergmienen hinweg geflogen – im Superhelden Overall versteht sich :-)

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Angsthase war einmal, Wonder Woman ist geboren – oder so.

Vielen Dank an Visit Wales für die Unterstützung der Reise.

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Norah Steiner

von

Entscheidungen treffen gehört definitiv nicht zu ihren Stärken. Besonders wenn es darum geht, wo die nächste Reise hingehen soll – es gibt einfach zu viele spannende Orte zu entdecken! An einigen war sie aber bereits schon. Die Geschichten davon sammelt sie auf ihrem Blog Weltumschreibung.

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                  • Hier erwähnt: So einfach kann es sein: Unterwegs rund um Aberystwyth - heldenwetter

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