Es folgt ein Gastartikel von Nathalie Soursos:

Wer einmal in der Wiener Oper im Juni einen Stehplatz „genossen“ hat, sucht sich für den Sommer flugs ein kühleres Plätzchen um seiner Opernbegeisterung nachzugehen. Das findet man am Wiener Rathausplatz vor einer riesigen Leinwand, oder in der nahen Umgebung: im Burgenland und Niederösterreich.

Carmen-Burgenland

Da ich kein Auto habe und die Fahrt mit dem Motorrad im Sommer bei der frühzeitigen Buchung der Tickets nicht wirklich garantiert trocken ist, freute ich mich über ein Angebot das mit der Post hereingeflattert kam: „Carmen“ bei den Opernfestspielen in St. Margarethen für 29,- inklusive Busfahrt. Natürlich hielt ich mich nicht lange mit dem Kleingedruckten auf und buchte die Tickets. Erst als ich die Bestätigung am Tag vor der Fahrt noch mal durchlas, wurde ich etwas stutzig über die Abfahrtszeit, fast zehn Stunden vor Beginn der Oper.

carmen burgenland oper

Tatsächlich landeten meine Begleitung und ich auf einer Werbefahrt!
Das läuft also folgendermaßen ab: Treffpunkt um 10:00, Busfahrt in ein Kaff ins Burgenland (zum Ausschließen der Fluchtgefahr), Mittagessen um 12:00, dann von 12:30-17:00 Werbung und ab 20:00 Oper.

Nach dem Essen stellte sich ein vierzigjähriger Typ vor uns auf, der gemeinsam mit seiner Ehefrau eine Kaffeemaschine, ein Polster, eine Matratzenauflage (gegen Rückenschmerzen, Rheuma,…), eine Decke (Kapillaroffen für stark Schwitzende oder Bettnässer – „Sie wissen schon, wie bei der Funktionskleidung!“), ein Pfannen-Set und ein Besteck-Set (für fast 1.000,-), Tücher, Aloe-Vera Cremes und ein Putzmittel in sympathischem bayrischen Dialekt anpries. Rhetorisch perfekt ausgearbeitet, erzählte er uns was die Produkte alles ermöglichen. Die anderen Teilnehmer waren ganz aus dem Häuschen und bestätigten sich ständig gegenseitig wie toll man auf der Matratzenauflage liege, dass der Gatte kaum mehr schnarche – natürlich nur seit man auch das Kissen dazu gekauft habe.

Kurzzeitig dachte ich, ob die Damen und Herren im Publikum nicht eingekauft wären, doch ihre Gold- und Platin-Card verriet ihre regelmäßigen Einkäufe und Teilnahmen an solchen Fahrten. Wir waren mit min. 20 Jahren (!) Altersunterschied die jüngsten und fielen zusätzlich dadurch auf, dass wir weder beim Besteckset noch bei den Putz-Tüchern dem Werbefachmann eifrig über deren Nützlichkeit zustimmten.

Trotz der zweifellosen Genialität der Produkte war die Kaufbegeisterung erst noch recht verhalten. Der Werbefachmann begann – unterstützt von seiner Frau die ihm im Hintergrund bekräftigend zustimmte – zu verzweifeln. Er betonte die Seriosität seiner Firma, die jahrelange Erfahrung und die Kaufwut der Gruppe, die letzte Woche da gewesen war.

Er könne gar nicht verstehen warum die heutige Jugend – außer uns war da weit und breit keine Jugend, was alle Blicke auf uns lenkte – den Wert von Traditionen und Werten nicht achten würde und daher das Besteckset der Eltern und Großeltern verschmähe.

Notgedrungen startete er mit den Angeboten: „Nur heute ausnahmsweise zum Besteck noch ein Kissen (…) nein, zwei Kissen (…) für sie ultimativ noch die Auflage (…) und eine zweite dazu (…) und als absolutes Highlight noch die atmungsaktive Decke….!! Die Leute begannen begeistert aufzuzeigen, die Werbe-Ehefrau rannte durch den Saal, verteilte gelbe und rote Kärtchen, die anderen Leute am Tisch gratulierten den fleißigen Käufern. Es war ein Hochgefühl!

Wir blieben ruhig, überlegten ob wir vielleicht um nicht aufzufallen doch eine kleine Tube „Aloe-Vera BARBADENSIS“ („Denn nur das ist die Wahre!“) kaufen sollten. Doch schließlich schlichen wir uns aus dem Saal. Bei unserer Rückkehr war man beim Kaffee und Zwetschgenkuchen, nun auch gestärkt für die anschließende Oper in St. Margareten.

Carmen Oper

„Carmen“ war ein Spektakel! Eine hinreißend dramatische Musik mit zahlreichen Spezialeffekten echten Tieren und sogar einem Lastwagen, der den Hang herunter gebraust kam. Einziger Nachteil: Neben mir saß ein älterer Herr der unaufhörlich schmatzte und ich musste ständig daran denken, ob er wohl ein Kissen gekauft hatte, das bestimmt auch gegen dieses Schmatzen geholfen hätte.

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Nathalie

von

Ist Doktorandin und hat einen entzückenden eigenen Blog Zimmerreisen. Nach drei Jahren, in denen sie fast ausschließlich mit dem Schreiben ihrer Doktorarbeit beschäftigt war, hatte sie das Bedürfnis wieder etwas zu schreiben, das ihr Spaß macht.

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(8) Kommentare Schreib mir was!

  1. Carmen
    • 25. Oktober 2012

    Was für eine Erfahrung. Auf der einen Seite ist lustig, auf der anderen auch schön das zu wissen.

    • Marianna
      Marianna
      • 25. Oktober 2012

      Lustig überwiegt bei mir.

    • 29. Oktober 2012

    Das hört sich nach einer wirklich spannenden Geschichte an… erst eine Runde Komödie und dann eine wirklich tolle Oper. Wenn du Lust hast, kann ich dich ja mal auf einer deiner nächsten Reisen begleiten. So etwas mache ich öfter… und deine Erlebnisse hören sich insgesamt wirklich sehr interessant an… ;-)

    Hier verrate ich, wie man ein echter Wellness-Bummler-Pate werden kann… http://wellness-bummler.de/reiseanleitung/taschen-pate-werden/ – ganz ohne was zu kaufen, zu unterschreiben, ohne Belege, Kissen und doppelten Boden… einfach nur so aus Spaß. :-)

    Liebe Grüße,
    euer/deiner Wellness-Bummler

    • Marianna
      Marianna
      • 11. November 2012

      Thanks! Witzige Idee. VG

  2. Eva
    • 13. November 2012

    DIe Geschichte ist urkomisch – vielleicht auch nur, weil ich mich ein wenig freue, dass wir nicht die Einzigen sind, die so was mal durchmachen mussten. Unsere, mit sehr großen Erwartungen verknüpfte, Marokko Tour hat sich auch als reine „Verkaufsverarsche“ herausgestellt.

    • Marianna
      Marianna
      • 11. Dezember 2012

      Schadenfreude ist immer noch die schönste Freude, wa? :)

  3. Ludwig
    • 14. Januar 2013

    Da kommen bei mir Butterfahrt Erinnerungen hoch.

    • Marianna
      Marianna
      • 15. Januar 2013

      Die hat man aber freiwillig gemacht ;) Als Kind mochte ich den Namen, Butterfahrt, wahnsinnig gern, warum auch immer.

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