Bei 32 Grad Durchschnittstemperatur das Flugzeug zu verlassen fühlt sich ein bisschen so an, als wäre man in sehr warme Watte gehüllt: Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, aber nicht zwingend unangenehm, der Wind eher ein sanfter Fön etwas über Körpertemperatur und schon bin ich nach knapp 8.000 Kilometern Luftlinie und 10 Stunden Flug ohne Unterbrechung in: Florida.

Meine Reise führt mich in den südwestlichen Teil des Sunshine States und somit zu den Everglades, den fast zu schönen Stränden entlang des mexikanischen Golfes bei Naples und zu den vielen Inseln und Halb-Inseln vor Fort Myers. Ich treffe Persönlichkeiten, die bei mir Eindruck hinterlassen, esse Fisch in jeder erdenklichen Form, höre Hurricane-Geschichten und entdecke Schildkröten, Delphine und Sehkühe in freier Wildbahn. Mein Sonnencreme-Verbrauch? Sprengt Rekorde – bei etwa 10 Sonnenstunden täglich nicht überraschend. Und trotzdem: Ich würde es wieder tun.

Mehr als ein Rentnerparadies

Entlang der Mamie Street in Chokoloskee reihen sich Haus an Palme an Haus. Die Wiesen sind bereits jetzt im Mai von der Sonne gebräunt und trocken, die Straßen von einer dünnen Staubschicht überzogen. Mein Ziel: Die Everglades. Und ich bin bereits mittendrin.

Wer Florida nur mit einem Rentnerparadies gleichsetzt und lediglich die Strände besucht, verpasst Abenteuer und Wildlife. Der Nationalpark ist eine Naturgewalt mit unzähligen Mangrovenbäumen, kleinen naturbelassenen Inseln mit weißem Sandstrand, Sümpfen und einer Flora und Fauna, die mit einem einzigen Besuch gar nicht greifbar ist: Alligatoren, Schlangen, Rochen, Delphine und die unterschiedlichsten Vögelarten (um nur eine kleine Auswahl zu nennen) können entdeckt werden, erzählt mir Dan. Er ist mein Guide für die nächsten Stunden und zeigt mit die Gegend. Das mit den Alligatoren halte ich übrigens für ein Gerücht – gesehen habe ich nämlich nicht einen einzigen.

Saltburned

Die Natur ist das eine. Dan darüber reden zu hören, wie er diese Natur wahrnimmt und empfindet, ist etwas völlig anderes – seine Liebe für die Gewässer, Sümpfe und Strände der Everglades ist ansteckend. Doch von vorn: Mit einem Golf-Caddy geht es vom Hauptquartier der Everglades Area Tour zum Hafen, dort startet unsere Tour.

Zuerst geht es mit einem Motorboot raus in die Weiten der Everglades, vorbei an Mangrovenwäldern und den dazugehörigen Vogelnestern, hier und da schreit ein Babyadler nach seiner Mutter. Dan erklärt mir, weshalb die Mangrovenwälder aktuell vereinzelt eher grau als grün sind: Der letzte Hurricane hat die Mangroven mit dem Salzwasser der umherfliegenden Wellen so geflutet und vergiftet, dass das Ökosystem das überschüssige Salz nicht weiter absorbieren kann – er nennt es saltburned. Mit ein bisschen Glück erholt sich die Pflanze, doch das dauert.

Der amerikanische Bundesstaat nimmt seinen Nationalpark sehr ernst: Jedes einzelne Boot muss angemeldet werden, große Touristenboote sucht man hier vergeblich. Doch damit nicht genug, auch eine gängige Aktivität wie Muschelsammeln wird hier hart geahndet und mit einem Bußgeld belegt.

Nach einiger Zeit setzen wir die Anker und steigen um in ein Kajak: Jetzt paddel ich entlang der Pflanzen, unter mir schwimmt ein Rochen und kleine Sukkulenten wachsen entlang der Bäume. Unser Ziel ist eine kleine Insel vor uns: Turtle Key Island. Dort angekommen verschwindet Dan und kommt dann mit einer Handvoll unterschiedlicher Muscheln zurück, manche von ihnen sind mehrere Hundert Jahre alt und er hat zu jeder einzelnen eine Geschichte zu erzählen. Das ist die Sache auf Reisen: Orte können wunderschön sein, aber was für mich zählt, was in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mitsamt der erzählten Geschichten.

Mir bleibt ein Satz von Dan im Gedächtnis, der seine Leidenschaft für die Natur am besten umschreibt und der wahrer nicht sein könnte: Always be curious, ask questions and never stop trying something new.

Sunburned

Die einzige sinnvolle Option rund um die Mittagsstunden ist der Strand. Wer keinen Sonnenschirm dabei hat, kann einfach beim Hotel nebenan nachfragen: Viele Hotels vermieten Liegen, Sonnenschirme oder ganze Chickee Huts direkt am Meer, unter denen Sonnenbaden auch mit ausreichend Schatten möglich ist. So komme ich in den Genuss eines traumhaften Sandstrands auf Marco Island, ohne Hotelgast im dazu gehörigen Beach Resort sein zu müssen.

Im Schatten auf der Liege merke ich zum ersten Mal, weshalb Florida nicht ausschließlich, aber eben auch ein Paradies für Nichtstuer sein kann: Die Stunden zerfließen im warmen Dunst der Sonne und plötzlich neigt sich der Tag dem Ende entgegen.

Segway fahren in einer aufgeräumten Stadt: Hello Naples

Wer Millionäre sucht, findet sie in Naples. Die Stadt ist nicht nur ganz und gar herausgeputzt, auch die Villen zeugen von einer hohen Dichte an Reichtum – Hurricaneschäden sieht man erst auf dem zweiten Blick, wenn sie nicht bereits ausgebessert wurden: Hurricane Irma hat die Gegend rund um Naples und Fort Myers im Sommer 2017 hart getroffen.

Obwohl ich noch glücklich an das Dinner vom gestrigen Abend im The Continental (der Oktopus!) zurückdenke, wünschte ich mir, ich hätte nicht so zugeschlagen. Denn ich bin aufgeregt. Ich werde Segway fahren.

Ob ich es wieder tun würde? Wahrscheinlich nicht. Ob ich es bereue? Nicht eine Sekunde! Wann sonst erlebt man eine Stadt nicht nur visuell, sondern ganz haptisch? Jeder einzelne Hügel auf den Straßen, jede Bordsteinkante, jeder Stein ist ganz präsent im ganzen Körper zu fühlen, während ich mit dem Segway darüber rolle. Zusätzlich ist es schwerer als gedacht: Der Lenker ist wirklich nur zum Lenken da, Gas und Bremse werden über die Zehen und Fersen gesteuert.

Ich fahre entlang der von Palmen gesäumten Straßen, zum Hafen mit den großen Yachten und zum Naples Pier, der meterweit in das Meer ragt. Blickt man ganz hinten vom Pier gen Strand, offenbart sich die geballte Ästhetik Floridas: Weißer, feiner Sandstrand, Palmen ranken darüber, das Wasser ist klar und wird von unzähligen kleinen Fischen bewohnt. Würde neben mir ein Delphin hochspringen und dann kitschig in den Horizont schwimmen – es würde mich überhaupt nicht überraschen.

Tin City

Das Naples auch eine rustikale Seite hat, lerne ich in Tin City. Das Hafenviertel der Stadt ist ein Sammelsorium aus kleinen Läden mit einem Hauch Trash-Feeling. Hier prallen zwei Welten aufeinander: Bodenständigkeit und Luxus.

Denn während ich dort im Riverwalk das beste Shellfish-Sandwich meines Lebens esse (an einem von unzähligen Gästen gezeichneten Holztisch und umgeben von einer beeindruckenden Auswahl von Blechschildern und Leuchtreklamen) fliegen im Minutentakt die Privatjets im Landeanflug über unsere Köpfe hinweg. Vor mir nimmt ein Fischer seinen soeben gefangenen Fisch aus und schmeißt die Reste den Pelikanen zu, die im Hafen von einem Steg zum nächsten flanieren, während dahinten eine Luxus-Yacht anlegt. Surreal, aber irgendwie auch schön.

Turtle Season und 5th Avenue

Im Edgewater Beach Hotel angekommen, geht es direkt wieder an den Strand, denn: When in Florida, watch Sunsets. Pustekuchen, der Himmel zieht sich zu. Trotzdem ist es schön hier. Und wer sich fragt, wieso im Frühsommer die Sonnenliegen bereits vor Sonnenuntergang abgebaut werden: It’s Turtel-Season! Kleine Babyschildkröten schlüpfen und machen sich auf ihren Weg zum Meer. Um sie davon nicht abzulenken, schalten die Hotels am Strand das Licht aus und räumen mögliche Hindernisse aus dem Weg.

Bevor es mich am morgen darauf nach Fort Myers und die Inseln davor zieht, stärke ich mich noch einmal in einem Café in der 5th Avenue: Pancakes und Coffee. Hier ist Naples wieder schön und reich: Ältere Damen mit sonnengebräunter Haut und kleinen weißes Hunden spazieren zum Café, die Straßen mitsamt der Grünstreifen und Häuser sind gepflegt und die Autos groß. Für den Moment ist das sehr schön anzusehen, fast schon Entertainment. Im nächsten jedoch frage ich mich, was Florida noch so kann. Auf geht`s nach Fort Myers.

Eine Zeitreise

Wer mehr sehen möchte als schöne Straßen, Strand und Nationalpark, kommt in Fort Myers mit einer kleinen Zeitreise der Edison & Ford Winter Estates auf seine Kosten: Hier erlebe ich aus erster Hand, wie Thomas Edison und Henry Ford vor vielen Jahren gelebt haben – zumindest im Winter. Ich entdecke nicht nur die historische Einrichtung der Häuser zur damaligen Zeit, sondern spaziere auch durch die dazugehörigen Gärten und staune dabei über das historische Sprungbrett des Privatpools. Aber wie Edison und Ford samt Familie damals das tropische Klima ohne Klimaanlage aushalten konnten, ist mir immer noch ein Rätsel.

Das Festland verlassen

Die letzte Etappe liegt vor mir: Sanibel. Die Stadt teilt sich die Insel mit Captiva im Norden und ist mit dem Festland über eine Brücke verbunden. Auf der Insel ist es ruhiger als auf dem Festland, es gibt keine Ampeln und kein Haus darf höher gebaut werden, als die höchste Palme der Insel gewachsen ist – das verleiht der Insel einen entspannten und unaufgeregten Charme. Die Strände hier sind gefühlt naturbelassener und ein wenig wilder, das Wasser kühler. Aber das macht den Ort nicht minder schön.

In den Tag starten mit der Island Cow

Start your day right, auf zur Island Cow. Das Restaurant ist nicht nur der perfekte Ort zum Frühstücken, sondern Unterhaltung pur. Überall sind Blechschilder und Kunstwerke in den buntesten Farben zu bewundern, viele Outdoorspiele laden zum Verweilen ein und Wachsmalstifte auf den Tischen gehören zum festen Inventar. Und das French-Toast? Ein Gedicht. Die Speisekarte ist in Comic Sans geschrieben – und keine andere Schriftfamilie könnte besser passen.

Ein Ausflug mit der Lady Chadwick

Viele kleine Inseln liegen vor Sanibel und Captiva und eine davon ist mein Ziel für den heutigen Tag: Cabbage Key. Dorthin gelange ich mit der kleinen Lady Chadwick: Unterdecks mixen Barkeeper Bloody Marrys, auf dem Deck genieße ich die Sonne und den Fahrtwind und lausche den Ansagen des Kapitäns.

Während er die Sicherheitsvorkehrungen laut verliest, schließt er mit seiner eigenen Sicherheitsanweisung: Wenn es ein Problem gibt, wird zuerst die Bar zum Freiverzehr geöffnet und dann ein anderes Boot gerufen, welches uns rettet. Wenn man ins Wasser fällt: Keine Panik, oben bleiben. Ich fühle mich sehr gut aufgehoben und winke den Delphinen zu, die an uns vorbei schwimmen. Denen soll man übrigens zujubeln, sobald sie auftauchen. Wird gemacht.

Mit Leonardo Burger essen

Cabbage Key hat einen Hafen, einen kleinen. Dort angekommen geht es links hoch zum einzigen Restaurant und rechts zu Leonardo, Donatello und Michelangelo, den Schildkröten der Insel. Die krabbeln hier frei rum, lediglich die Häuser sind durch kleine, durchlässige Zäune geschützt, damit sie nicht versehentlich zertreten werden. Ich lerne: Hibiskusblüten sind für die Schildkröten im Vergleich zum einfachen Salat das beste Lockmittel und schmecken ihnen ganz ausgezeichnet.

Hinter dem Restaurant beginnt ein Rundweg durch die Natur der Insel. Ich finde: Das sieht einem Dschungel ganz schön ähnlich und fühlt sich plötzlich gar nicht mehr so amerikanisch an. Das fast schon subtropische Klima zeichnet die Flora und Fauna auf Cabbage Key und ich mag den Kontrast zu meinen restlichen Florida-Erlebnissen sehr.

Viel mehr gibt es auf Cabbage Key nicht, das Restaurant ist jedoch berühmt berüchtigt. Nicht nur der Burger soll einmalig gut sein, auch das Interior ist einmalig: Früher, als die Fischer an einem besonders erfolgreichen Tag den Fang reingeholt haben und nie wussten, ob der nächste Tag genauso ertragreich sein würde, hinterließen sie beim Feierabendbier im Restaurant einen Dollar für das Bier am nächsten Tag – und etablierten so quasi ein Guthabensystem.

Mittlerweile ist der Dollar Tradition und jeder Besucher ist eingeladen, einen zu hinterlassen. Die Wände können sich vor den Scheinen kaum retten, etwa 10.000 Scheine fallen jährlich herunter und werden für gemeinnützige Zwecke gespendet. Also? Burger essen (der wirklich ausgezeichnet schmeckt: gut, authentisch und schnörkellos) und einen (oder zwei) Dollar an die Wand kleben.

Zwischen den Zeilen

Mein Kurztrip in den Süden der Vereinigten Staaten neigt sich dem Ende entgegen und hat mein Amerika-Bild weiter geprägt: Ich habe neue und ganz andere Strände gesehen und so den Begriff für mich weiter definiert; gesehen, was Naturgewalten mit der Natur anstellen und sammle jetzt nie mehr einfach so Muscheln am Strand – denn das könnte illegal sein.

Florida, es war schön mit dir. Was ich von dir gelernt habe? Sagen wir es so: Im Muschelmuseum auf Sanibel hat Austin, ein Wissenschaftler, eine Zeile gesagt und deren Inhalt war mir selten so bewusst wie nach dieser Reise mit all den dazugehörigen Eindrücken: Every single beach is different each day.

Mit freundlicher Unterstützung von Eurowings, Naples und Fort Myers

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Stella Pfeifer

von

Studiert und arbeitet in Kassel, doch am liebsten fährt sie durch fremde Landschaften oder mit der Belgrader Straßenbahn. Und schreibt darüber. Immer mit dabei: Ein Notizbuch und ein kleiner Beutel voller Fotofilme, denn ihre Reisen fotografiert sie ausschließlich analog. Was sie noch mag? Gespräche. Mehr dazu auf: fünfpluszwei.de.

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(8) Kommentare Schreib mir was!

    • 22. Juni 2018

    Sehr schöne Fotos – versprüht gleich diese Floridasommerlaune ohne aufgetakelt rüberzukommen. Analoge Fotografie eben ;)

  1. Hier erwähnt: Großes Fernweh bei den Coolen Blogbeiträgen der Woche

  2. Lara
    • 1. Juli 2018

    Tolle Bilder – sie machen Lust auf Reisen.

  3. Michelle Diehl
    • 17. September 2018

    Sehr interessanter Eintrag und herrliche Bilder!!!
    Wie sind vor ca. 8 Jahren durch die Everglades in einem Mietauto gefahren…und sind dabei fast stecken geblieben wegen zu wenig Sprit :-O! Was für eine Erfahrung…aber glücklicherweise gut ausgegangen!!!

    • 27. September 2018

    Ja Naples war für mich auch eine tolle Erfahrung und ein schönes Reiseziel :-) Deine Fotos gefallen mir besonders gut!!! :-)

    • 28. September 2018

    Klingt nach einer abenteuerlichen Reise. Ich habe einige deiner Posts gelesen und wollte fragen, welche Erfahrungen du mit Mietwagen Roadtrips gemacht hast.
    Und hast du bestimmte Apps, die dir das Reisen erleichtern (das Planen davor, die Organisation währenddessen) bzw. hast du überhaupt einen solchen Bedarf?
    Liebe Grüße,
    Yaren

    • 4. Oktober 2018

    Florida ist eine wahre Liebe bei mir geworden 😍
    Toller Bericht und Bilder von dir ☺️ Danke das weckt Erinnerungen!

    Super schön ist auch der Sonnenaufgang auf Sanibel Island. Am besten direkt auf dem Steg am Leuchtturm.
    Um diese Uhrzeit trifft man maximal noch 2 Fischer dort. Direkt nach dem Sonnenaufgang Muscheln sammeln :) es gibt dort so großartige und einzigartige Muscheln. Gegen Mittag sind die schönsten bereits weg und werden in den umliegenden Läden verkauft 😁☺️

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