Ich erreiche mein Ziel und der Wind fegt mich weg. In Broek in Waterland ist es stürmisch, im 10 Kilometer entfernten Amsterdam scheint es nicht anders. Amsterdam, dich erkunde ich die nächsten Tage. Sei bereit. Das Jahr ist noch jung, nicht mal richtig wach, es ist der 1. Januar 2015.

Wer begibt sich am 1. Januar, nach einer der kürzesten Nächte, auf Reisen? Warum steckt man ausgerechnet am ersten Tag des Jahres den Schlüssel in das Zündschloss und fährt los, nur um erschöpft irgendwo anzukommen?

Ich sage: Wie kann ein Jahr schöner beginnen.

Und mein Jahr beginnt in Broek. Für drei Nächte habe ich ein kleines Cottage gemietet, zwei Etagen, nicht größer als mein Wohnzimmer daheim.  Ich steige aus, meine Knochen knacken und ich versuche im Dunkeln die Nachbarschaft zu erahnen: rechts ein kleiner, etwa 5 Meter breiter Kanal, ein Boot liegt am Ufer. Links Weidefläche, da hinten mähen ein paar Schafe. Es scheint fast schon idyllisch und ich erahne die große Stadt nebenan kaum.

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Der Wind begrüßt mich sogleich erneut. Ich lehne mich mit meinem ganzen Körpergewicht gegen diese Wand aus Luft und es funktioniert, mühsam komme ich voran und erreiche dieses kleine Häuschen mitten im Nirgendwo. Die Begrüßung ist lieb, man wünscht sich a happy new year und sofort bekomme ich erste Empfehlungen. Eine der Empfehlungen hat etwas mit einem Hotel zu tun, ich notiere es mir für den morgigen Tag.

Der nächste Morgen ist vielversprechend blau und klar, die Sonne kitzelt auf meiner Haut, oder vielleicht ist es auch die Kälte. So gutes Wetter bekomme ich eventuell nicht wieder, ich freue mich auf weite Blicke und los geht’s in die Stadt.

Das elfte Stockwerk

Parken in Amsterdam ist teuer. Die Gastgeberin empfiehlt eine Parkgarage am Hauptbahnhof: Parkeergarage Centrum Oosterdok. Ab fünf Stunden Parken zahlt man hier den 24h Tarif für 10 EU und das ist wirklich ein guter Preis.

Nun steht also dieses Hotel auf der Liste und kurze Zeit später stehe ich vor dem Double Tree Hilton. Es hat nicht lange gedauert, eigentlich ist es direkt neben dem Parkhaus und Ich frage mich: In ein Hotel schleichen, wie geht das überhaupt? Schließlich bin ich kein Gast und das sieht der Portier sicherlich. Durch eine Drehtür betrete ich die Lobby, eile zum Aufzug und dieser öffnet gleich seine Türen. Ich atme ein und aus, drücke den Knopf für das letzte Stockwerk und lächle: Das war nicht schwer, gut so.

Und dann betrete ich die Sky Lounge und bin überwältigt. Die Fensterfronten sind groß, ich werde freundlich begrüßt und verschwinde sofort aufs Sonnendeck, hinaus in den kalten Winter. Schon weitere Gäste sind hier und machen Fotos, genießen den weiten Blick über die Stadt und machen sich ein Bild von Amsterdam. Ich sehe von hier die vielen kleinen Grachten, die Touristenattraktionen, am Hafen liegende Museen, die Gleise des Hauptbahnhofs und viele kleine, sich bewegende Punkte: Möwen, Schiffe, Menschen unterwegs auf Fahrrädern.

Ich habe Hunger, es gab noch kein Frühstück und ich betrete Sugar & Spice, ein kleiner Laden in der Zeedijk, und kann mich nicht entscheiden, alles klingt lecker. Die Wahl fällt auf das Hummus & Roasted Peppers Sandwich und ich merke schon beim ersten Bissen, dass ich nichts anderes mehr in meinem Leben essen will. Was machen wir als nächstes? Ja, was macht man in Amsterdam?

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Papierboot und Geisterschiff

Besucht man auf Reisen Kunstausstellungen, hetzt man oft von einem Museum ins nächste, steht in langen Schlangen um auf sein Ticket zu warten und dann sieht man vor lauter anderen Besuchern kaum das Eigentliche.

Das Light Festival, eine sich jährlich wiederholende Kunstausstellung in Amsterdam, ist anders.

Das Konzept ist einfach: Eine Auswahl internationaler Künstler platziert ihre illuminierten Kunstwerke und Projekte überall in Amsterdam. Diese Kunstausstellung unterscheidet sich besonders in einem Punkt von anderen Ausstellungen: Freiheit.

Das Light Festival ist umsonst und draußen. Ich setze mich also in eines der vielen Boote, die am Hauptbahnhof starten, Fensterplatz. Die Sonne spiegelt das Wasser an die Bootsdecke, fast wie eine Discokugel. Ich habe einen Plan: Ein wenig die Grachten durchqueren und an einem schönen Ort aussteigen, das nächste Kunstwerk des Festivals suchen und dann das nächste und dann das nächste.

Sind das Tulpen, die da im Wasser untergehen? Ein riesengroßer Lichtkreis umspannt eine Brücke. Ein Kartenhaus, das Paperboat (leider nicht auf hoher See) und ein Geisterschiff, nur um einige der Kunstwerke zu nennen.  Ganz nebenbei finde ich die schönsten Plätze der Stadt: Hier eine Parkbank an der Amstel, die Ampelmänner sind irgendwie schöner, Möwen sitzen auf einem Brückengeländer und fliegen weg, als ich mich niederknie, um den Film meiner Kamera zu wechseln. Und überall diese schönen Fahrradfahrer. Und Fahrräder.

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Die rote Katze

Ich fühle mich in Städten am wohlsten, in denen die Cafés, Restaurants und Bars unkompliziert und einfach sind. Wenn die Wirte ein Lächeln auf den Lippen haben und ich merke, dass ich mich an einem Ort der Stadt, in der ich mich eigentlich fremd fühlen sollte, eher ein wenig zuhause fühle. Sucht man so einen Platz in Amsterdam, findet man viele. Und ich entscheide mich für Louis.

Mit Louis findet man neben tollen Weinen, gutem Bier und kleinen Snacks einen wunderschön bodenständigen Laden, eingerichtet mit Holztischen, die Geschichten erzählen und bestimmt auch mal betanzt werden. Draußen ist es dunkel geworden, ich bestelle Weißwein und „brood met aioli of tapenade“. Auch Chickenwings stehen auf dem Tisch und ich glaube das ist ausschlaggebend.

Die rote Katze tapst in das Lokal. Sie schnurrt um meine Beine und schaut mich mit ihren dunklen Augen an. Sie legt sich in den Sessel hinter mir und schläft ein. Keiner nimmt Notiz von ihr und ich schließe, sie gehört wohl zum Inventar. Ich mag den Laden nur noch mehr.

Ich traue mich nicht sie zu wecken, also warte ich bis sie aufwacht. Das Brot und die Tapenade sind köstlich, fast so gut wie in Zadar letzten Sommer. Der Wein ist kalt und schmeckt, ich komme zur Ruhe und belausche ein paar Gespräche. Hinter mir spielen junge Männer Karten, ich lächle meinem Gegenüber zu und mein Blick fällt wieder auf die rote Katze. Wie sie wohl heißt? Und was sie wohl träumt? Vielleicht von Chickenwings.

Am nächsten Tag wache ich auf, der Wind pfeift um das kleine Häuschen. Man merkt das weite Feld, das es umgibt, denn kein Baum dämpft die Kraft. Das gute Wetter verlässt mich und zieht weiter. Es ist kalt und grau und so zieht es mich erneut nach Amsterdam.

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Sushimatten und Pizzaöfen

Nach einer angenehmen Fußstrecke durch die Stadt erreiche ich mein Ziel für den heutigen morgen: Die foodhallen in Amsterdam West sind noch jung und ich bin neugierig.

Die alte, neu restaurierte foodhallen ist seit Oktober 2014 eröffnet, liegt zentral und ein kleines Schild sagt mir, dass ich richtig bin. Ich öffne eine große, schwere Eisentür und sehe viele kleine, so unterschiedliche Stände. Ich folge den Aromen. Entlang vieler junger Menschen hinter Pizzaöfen, Sushimatten, heißen Grillplatten, Schneidebrettern, Suppentöpfen, Weingläsern und italienischen Kaffeemaschinen genieße ich den Geruch unterschiedlichster, aber offensichtlich köstlicher Gerichte und Getränke.

In Budapest habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich in Markthallen einen Überblick zu verschaffen, um nichts zu verpassen. Mein Magen knurrt, ich habe Hunger und entscheide mich für The Butcher. Der Burger (250 Gramm Angus Beef) schmeckt himmlisch und ich bin ein wenig traurig, bereits satt zu sein. Ich tröste mich mit der Auswahl meines Nachtischs.

Das netteste Lächeln hat definitiv der sehr junge Kerl im Laden mittig der Halle. Zusammen mit einer jungen Frau steht er hinter unzähligen kleinen Törtchen und kleine Schilder verraten mir deren Inhalt. Bei Petit Gâteaux kaufe ich mir 2 kleine Törtchen, Pistazie und Panna Cotta. Beim Hineinbeißen lächle ich und mir wird klar, dass ich noch oft an diesen Moment denken werde.

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Der Alltag einer Stadt

Beim Verlassen der foodhallen weiß ich nicht recht wohin. Ich biege links ab und laufe durch ein paar Straßen. So lande ich unbeabsichtigt auf dem Ten Katemarkt.

Blumen, Lebensmittel, Kleidung. Die Menschen sind laut, verhandeln und lachen viel. Ich tauche hier ein in das echte Amsterdam. In das, welches sich unterscheidet von den typischen Touristenplätzen, in dem die Menschen entspannt sind und mitten in ihrem Alltag stecken. Menschen, die gerade vom Wohnungsputz kommen oder die letzten Einkäufe erledigen. Erwischt man einen solchen Platz, muss man kurz innehalten und durchatmen, den Verkäufer neben sich anlächeln und dann kann es weitergehen. Doch neben mir steht kein Verkäufer, zumindest keiner im Dienst. Neben mir steht ein Mann mit Schürze, angelehnt an einen Stand und raucht. Er sieht nett aus, vielleicht macht er eine kurze Pause. Ich folge seinem Blick und bemerke, wie er über einen Fotografen schmunzelt, der gerade ein kleines Stativ samt Kamera mitten auf die Marktstraße stellt und beschließe, dass ich mir diesen Moment einfach mal lächelnd selbst schenke.

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Was hängen bleibt

3 Tage sind kurz für eine Stadt. Wahrscheinlich ist jede Reise zu kurz, aber dafür ist es eben auch eine Reise: Man taucht kurz ein und dann taucht man wieder auf und holt Luft.

Was immer wieder meinen Blick fängt, sind die vielen Fenster, selten von einer Gardine beschützt, die Einblicke in das Leben der Stadtbewohner ermöglichen. Wenn es dunkel wird, spähe ich in die Wohnungen und bleibe hängen: an wunderschön und besonders eingerichteten Wohnungen, Einblicke in das ganz private Leben der Amsterdamer. Aus vielen Wohnungen höre ich immer wieder  Gelächter und fremde Stimmen. Über die Fenster in Amsterdam, darüber würde es sich lohnen zu schreiben, denke ich mir. Doch das – eventuell – ein anderes Mal.

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von

Studiert und arbeitet in Kassel, doch am liebsten fährt sie durch fremde Landschaften oder mit der Belgrader Straßenbahn. Und schreibt darüber. Immer mit dabei: Ein Notizbuch und ein kleiner Beutel voller Fotofilme, denn ihre Reisen fotografiert sie ausschließlich analog. Was sie noch mag? Gespräche. Mehr dazu auf: fünfpluszwei.de.

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