Liebes Zagreb!

Brief an eine unentschlossene Stadt
aus Kroatien,
21 Kommentare
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Liebes Zagreb, irgendwie kann ich dich immer noch nicht einschätzen. Du willst so gar nichts mit Russland und dem Balkan zu tun haben. Auf die EU freust du dich aber auch nicht. Und das einzige was mir klar geworden ist, ist dass du nach all den vielen Trennungen der letzten Jahrhunderte nach dir selbst suchst.

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Also besinnst du dich auf deine alte glagolitische Schrift, die bevor das kyrillische durchgesetzt wurde. Richtest durch Tito zerstörte kroatische Nationalhelden wieder auf und verehrst katholische Priester, die dem Tito Regime Widerstand leisteten.

Zagreb Kroatien

Graffiti in glagolitischer koreanischer Schrift

Zagreb Kroatien

Eigentlich könntest du auch ein paar Ausstellungsstücke in das Museum der zerbrochenen Beziehungen einreichen.

Ein Stück für die osmanische Herrschaft, von der ich kaum noch etwas in der Stadt spürte.

Ein Detail aus der österreichisch-ungarischen Epoche. Mit dem du mich recht überrascht hast, ich hatte tatsächlich nur mit einem sozialistischen Zagreb gerechnet.

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Zagreb Kroatien

Und einige Erinnerungsgegenstände aus der ehemals jugoslawischen Zeit. Als deine Einwohner noch nach Triest zum Shoppen fuhren, um die neuste italienische Mode zu erwerben oder für Konzerte nach Wien und Budapest pilgerten.

Zagreb Kroatien
Zagreb Kroatien
Zagreb Kroatien

Bestaunt hab ich deine Jahrhunderte alten Traditionen mit ihren Geschichten, die wirklich noch heute lebendig sind. Den Kanonenschuss zum Beispiel täglich um 12Uhr, der im Mittelalter eingeführt wurde, weil alle Kirchen zu unterschiedlichen Zeiten Mittag läuteten.

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Oder den Laternanzünder in der Oberstadt, der gute 200 Gaslaternen zur Dämmerung immer noch händisch entfacht.

Und deine romantische Namensgebung, der zu Folge eine Magd aus dem Brunnen auf dem Ban-Jelačić-Platz für einen vorbei ziehenden durstigen Ritter Wasser schöpfte (zagrabiti: schöpfen). Die beiden sich natürlich sofort in einander verliebten und aus ihren Nachkommen die Siedlung des heutigen Zagrebs entstand.

Die einheitlichen roten Schirme auf dem Marktplatz, die von den Farben der traditionellen Tracht hergeleitet sind.

Und dass du Ende Mai bereits mit Erdbeerständen vollgestellt bist.

Zagreb Markt

Zagreb Markt

Die Trachtenfrauen sind aber nur noch Touristenattraktion.

Zagreb Markt

Mich hat wohl einfach diese Fülle an Geschichten an einem Tag völlig überwältigt. Das Zagreb Bild, was ich vorher im Kopf hatte passt so gar nicht zu dem, wie du eigentlich bist.
Das ist aber gut so. Deswegen war ich ja da und deswegen komm ich wieder.

Ich wünsch dir erstmal alles Gute für den neuen Schritt mit der EU, auf den einige deiner Nachbarländer im Übrigen neidisch sind, und auf ein baldiges Wiedersehen.

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Zagreb Kroatien

Danke an HRS für die Bereitstellung des Hotelzimmers, die Präsidentensuite wäre ja gar nicht nötig gewesen, und das kroatische Tourismusamt für die Unterstützung vor Ort.

geschrieben von

War eigentlich Doktorandin in Literaturwissenschaft. Die schöne Literatur inspirierte sie viel zu oft die Bibliotheksgemäuer zu verlassen und mal zu schauen, wie das in der realen Welt denn ausschaut. Mittlerweile schreibt sie selber schöne Geschichten und hat die Promotion zugunsten des Reisens an den Nagel gehängt.

(21) KommentareSchreib mir was!

    • 10. Juni 2013

    Ich liebe Kroatien, nicht nur beeindruckende Städte wie Zagreb, auch die ländlichen Regionen und die vielen Inseln mit ihren Kiess- und Felsstränden und den traumhaft türkisfarbenen Wasser. Die Menschen sind so herzlich, das Essen so würzig… ich habe regelrecht Fernweh nach Kroatien. Als ich klein war, waren wir fast jedes Jahr dort.

  1. Jonas
    • 10. Juni 2013

    die haben ja ausnahmsweise mal ganz ansehnliche touri-souvenir-taschen ..

    • Marianna
      • 11. Juni 2013

      Die kommt aus so ‘nem hippen Designladen. Von solchen Läden haben sie recht viele in Zagreb. Hab aber auch kurz überlegt, ob ich sie mitnehme ;)

  2. Ute
    • 11. Juni 2013

    Stimmt, so ne Tasche hätte ich auch gern! ;)

    • 12. Juni 2013

    oh wie schön Du das geschrieben hast. Ich war noch nie in Zagreb, aber 2008 in Split. Da hat mich entsetzt, wie präsent hinter den wunderschönen Fassaden und all der Touristenidylle dort der Hass des Krieges und der widerliche Nationalismus noch war. Vielleicht ist es inzwischen besser geworden… Dir gute Weiterreise!

    • Marianna
      • 12. Juni 2013

      Schwer einzuschätzen, kommt mit Sicherheit drauf an mit wem man drüber redet. Von der Grundstimmung her definitiv nicht der Fall für mich. Nirgends in Kroatien.

    • 12. Juni 2013

    .. ach, ich habe ganz vergessen, Deine wunderbaren Fotos zu loben, hole ich hiermit sofort nach! Ein Erdbeerbad mitten in der Stadt, genial!

    • Marianna
      • 12. Juni 2013

      Danke Dir! Und die Erdbeeren waren köstlich.

  3. Jutta
    • 15. Juni 2013

    Ein besonders begehrtes Land mit aufregende Historische Geschichte.
    Berühmt auch für die riesige Obstplantagen. Schöner Bericht!

    • Marianna
      • 16. Juni 2013

      Wirklich spannende Geschichte in der Tat. Muss mich mal genauer einlesen.

    • Marianna
      • 15. Juli 2013

      Danke dir! Freut mich. LG

  4. Boris
    • 8. August 2013

    Sehr schoener Blog, der wirklich Lust macht wieder selber auf die Reise zu gehen.

    Kleine Anmerkung: das Graffiti ist nicht in glagolitischer Schrift. Es ist Koreanisch!

    Gruss aus China
    Boris

    • Sebastian
      • 8. August 2013

      Da komme ich ein paar Minuten zu spät. Es ist koreanisch, glagolitisch sieht etwas anders aus.
      Ansonsten: schöner Blog!

    • Marianna
      • 14. August 2013

      Oh man, wie peinlich. Korrigier ich sofort. Herzlichen Dank für den Hinweis, Boris und Sebastian.
      Aber ich fand die glagolitische Schrift, die ich in der Kirche dort gesehen hatte, hatte einwenig Ähnlichkeit ;).
      VG

    • 7. Oktober 2013

    hey,

    das sind ja sehr schöne Bilder. Ich hätte nicht gedacht das Zagreb so schön ist. Ich war leider noch nie da. Was hat dir den am besten an Zagreb gefallen?

    • Marianna
      • 8. Oktober 2013

      Die beiden alten Traditionen, die schon seit Jahrhunderten einfach beibehalten werden: das Kanonenschießen um 12Uhr mittags und der Laternenanzünder.

  5. Hier erwähnt: 100 Tage, 10 Länder: Auf dem Landweg von München bis Iran!

  6. Hier erwähnt: 100 Tage, 10 Länder: Auf dem Landweg von München bis Iran!

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