Der Kapitän, Nasenspitze braun gebrannt, streckt mir seine Hand entgegen. Seine Hände? Rau vom salzigen Wasser. Mein Blick? Fängt ein: Die vielen Segelschiffe im Hafen von Šibenik, den Katamaran vor mir – das Wasser unter dem Segelboot funkelt blau und grün und kann sich nicht entscheiden. Segeln in Kroatien? Los geht’s. 

Drei Tage auf hoher See, drei Tage wird das Boot mein fester Boden sein, das Meer jetzt noch still und entspannt: Alles ist ruhig, die Sonne brennt, keine Wolke weit und breit. Unser erstes Ziel: Skradin.

Wir richten uns ein. Der Wein wird gekauft, Käse und auch Oliven, die Kojen werden aufgeteilt. Ich: unten rechts, Sichtfenster oben – nachts werde ich die Sterne sehen, klar und kräftig – Sichtfenster links, neben mir das Meer. Der Katamaran und ich, werden wir Freunde? Sogar gute.

1_Schiff_Hafen

Der Kapitän, am Anfang der Reise noch wortkarg, im Laufe der Reise und auf hoher See wird sich das ändern, öffnet den Wein. Weiß, Pošip. Kroatischer Wein? Da bin ich ratlos, da kenne ich mich nicht aus, aber er schmeckt und er entspannt mich. Vor einer halben Stunde haben wir den Hafen verlassen, seit einer halben Stunde höre ich das Wasser unter uns rauschen. Und gesegelt? Bin ich noch nie.

segel_karte_Wasser

Der Kapitän, seine Stimme ein eigenes Meer, tief und ruhig, erklärt uns das Segeln, eine Einführung. Der Wind ist noch nicht ausreichend stark, der Motor muss jetzt schuften. Noch ist alles hektisch, aufregend, wir richten uns ein, legen uns an Deck, stehen wieder auf, wissen nicht, wohin. Insgesamt sind wir vier.

Und entspannen uns immer mehr. Das Meer wirkt meditativ, kein Mobilfunkempfang, wir schalten ab. Ich wundere mich, wie schnell das geht und wie leicht es mir fällt – besonders: Wie gut es tut. Nach ein paar Stunden, nicht lange, eventuell drei oder vier, erreichen wir den Hafen für die erste Nacht. Willkommen in: Skradin.

Skradin_Hafen_Wand

Segelmast an Segelmast gereiht, teilen sich hier die Schiffe den Platz: alte aus Holz, stabil und massiv (mir wird gesagt: Das sind die guten), neue, protzige, sie sind strahlend weiß (mir wird gesagt: Auf ihnen sind die Segler oft nackt) und große, die beeindruckend aussehen, wie aus einem Piratenfilm (mir wird gesagt: Die hat man, wenn man sich zeigen will, meistens steckt Plastik darunter). Daneben: normale Boote. Manche gepflegt, frisch lackiert, andere altern alleingelassen mit den Jahren, der Lack blättert und es sieht so aus, als hätten sie sich hier in Skradin zur Ruhe gesetzt.

Skradin_Boot_Stadt_Stop

Über dem Hafen, die Straßen schlängeln sich dem Himmel entgegen, eine etwas eingefallene Burg: unser Ziel für den Abendspaziergang. Es ist wärmer als gedacht – man gewöhnt sich schnell an den Wind auf See und bemerkt hier umso schneller seine Abwesenheit. Wir entdecken die Straßen und mir fallen die Kontraste auf: trockener Staub auf dem Asphalt und auf den Pflanzen, auf dem Meer selbst, auf dem Schiff – keine Spur von Dürre.

Skradin_Mate

Gutes Essen gibt es in Skradin, zum Beispiel bei Zlatne Skoljke. Fisch, Meeresfrüchte, guter Wein – der selbstgemachte Likör reift in Flaschen auf der Treppe, die im Innenhof zur Wohnung der Inhaber führt. Redet man in Skradin über Schnaps, kommt man an der Konoba Mate nicht vorbei. Seit Jahrzehnten betreibt hier die Familie das winzige Restaurant – meistens sitzt man draußen vor der Konoba, trinkt Haselnuss-, Rosen- und Feigenschnaps. Diese sind hausgemacht, es sind sind unzählige Sorten und wir probieren alle. Zurück auf unserem Katamaran: Die Gespräche sind noch nicht zu Ende.

Skradin_Restaurant

Ich wache leicht schwindelig auf. Das liegt an dem Wasser unter dem Segelboot, das liegt eventuell an dem Schnaps und jetzt geht alles schnell. Frühstück, eine Fahrradtour zum Nationalpark inklusive der beeindruckenden Wasserfälle und dann: Leinen los. Das Meer hat uns zurück.

Schiff_Anker_Schuhe

Ein paar Stunden später: Der Himmel zieht sich zu, der Wellengang wird wilder, endlich benutzen wir Segel und Mast, der Wind trägt unser Boot. Das Leben als Segler – ist man es nicht gewöhnt – strengt an. Dein Körper nutzt hier permanent eine Vielzahl von Muskeln, wird mir gesagt, deswegen bist du so müde, wird mir gesagt. Unser Ziel für den Abend: Die Kornaten.

Kap_Vrulje

Der Kapitän – er kontrolliert das Boot, er setzt das Segel, der Wind führt Regie, das Meer lässt uns gewähren – manövriert uns nach Vrulje. In einer Bucht, nur ein paar Häuser stehen hier, legen wir an. Dann kalter Weißwein, Fisch und Kartoffeln im Topf auf dem Grill gegart und natürlich wieder hausgemachter Likör: Kräuter, bitter, gut. Auch im Sitzen habe ich stets das Gefühl, zu schwanken – längst habe ich mich auf die Bewegung der Wellen eingestellt und kann es kaum erwarten, erneut loszusegeln. Was mich abhält? Rechts vom Schiff ein Berg. Am morgen werde ich ihn erklimmen.

Vrulje-berg-meer

Und von dort sehen und spüren: das Meer, die Kornaten, die Weite. Auf dem Rückweg zum Katamaran laufe ich vorbei an einer handvoll Häusern aus grauem Stein, das Salz raut seit Jahren ihre Fassaden auf, ich schmecke das Salz auf meiner Zunge.

blume-ante

Was macht das Segeln mit mir? Fragte ich mich, wusste ich nicht, weiß ich jetzt besser. Auf dem Deck sitzend, vorne, sauge ich auf: die raue Landschaft, Felsen, vom Wind kantig geschliffen, bin ganz bei mir, beobachte das Meer. Das Meer ist geschmeidig, das Meer ist kantig, das Meer ist rau, hat Textur. Das Wasser hat viele Charaktere: Es ist ein stures Kind, dann sanft und fließt wie Seide. Nimmt Farben und Formen an, die schwer zu beschreiben sind. Das macht der Wind. Es ist frech, wild, matt, elegant und tausend Adjektive mehr. Kapitän, was ist der Ozean für dich? Der Kapitän schaut nach vorne, er lächelt, bleibt still. Das macht das Segeln mit mir: Ich sehe pure Schönheit und habe dafür neue Begriffe gefunden, meine eigenen.

Vrulje_Steg

Der letzte Abend beginnt mit einer Bucht, einer Bootsfahrt ohne Motor, einem kleinen Holzhaus und sonst: ist da nichts außer ein paar weiteren Segelbooten. Wir betreten die Insel, wo genau weiß ich nicht, werden bekocht (Sepia in Rotwein geschmort), es gibt frisch gepflückte Kirschen. Der Koch, er erzählt uns Geschichten und wir ergänzen unsere eigenen, ist braun gebrannt, lacht viel, wir verstehen uns über Sprachbarrieren hinweg. Der Himmel? Selten so klar, die Sterne selten so kräftig.

vrulje

Ein Abenteuer geht zu Ende. Ich saß stundenlang an Deck und spürte das Meer unter mir, prägte mir dieses Gefühl so gut wie nur möglich ein. Ich betrat Inseln und Orte, die ich ohne Segelboot nie gesehen hätte – und bin für diese Möglichkeit sehr dankbar. Im Meer schwimmen, kein Straßenlärm und eine Stille, nach der ich mich jetzt erneut sehne. Nur einmal spürte ich kurz einen Hauch von Seekrankheit. Der Kapitän, nun kein Fremder mehr, er erzählte uns Geschichten vom Wasser und auch dem Land (Ich weiß jetzt mehr über Legenden und Krawatten), übergibt uns wieder dem Festland. Dieser Segeltörn wird nicht mein letzter sein. Seitdem: lege ich keinen Wert mehr auf festen Boden.

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Stella Pfeifer

von

Studiert und arbeitet in Kassel, doch am liebsten fährt sie durch fremde Landschaften oder mit der Belgrader Straßenbahn. Und schreibt darüber. Immer mit dabei: Ein Notizbuch und ein kleiner Beutel voller Fotofilme, denn ihre Reisen fotografiert sie ausschließlich analog. Was sie noch mag? Gespräche. Mehr dazu auf: www.fünfpluszwei.de.

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(10) Kommentare Schreib mir was!

  1. Mareike
    • 2. September 2016

    schöne Fotos, aber leider finde ich, dass sich der Text etwas schwerfällig liest =( macht leider nicht so Spaß mit dem Lesen.
    Ansonsten ein toller Tipp mit dem Segeln, da sieht man wirklich verborgene Orte, an die man sonst nicht so fix kommt.

    • Marianna
      Marianna
      • 18. September 2016

      Och…
      Ich fand das liest sich ganz wundervoll!

      • 19. September 2016

      JA, da hast du recht. Auch wenn da mit Sicherheit viel Mühe drinnen steckt.

  2. Marko
    • 12. September 2016

    Tolle Fotos! Da möchte man am liebsten selber direkt die Koffer packen und los.

    • 12. September 2016

    Ein toller Artikel, den ich nur so verschlungen habe ! Leider kann ich nicht ganz so mitfühlen, mir ist das Meer nicht geheuer und ich könnte keinen Segeltörn machen.

    • 14. September 2016

    Wunderbaren Artikel.
    Mir gefiel vor allem den Weg, in dem es geschrieben ist, bei jedem Schritt fangt es den Leser und eintaucht im in dieser Welt auf das Meer.

    Liebe Grüße,
    Natascha

    • 15. September 2016

    Ja! Was gibt es schöneres als zu segeln? Nischtss!!!
    Toller Beitrag, spannend geschrieben! Folge dir so unheimlich gerne :)

    Marie

  3. Jessica Conradi
    • 14. Oktober 2016

    Ich finde es leider auch nicht so gelungen, tut mir sehr Leid. Generell auch die Bilder. Klar, analoge Fotografien haben was Eigenes, aber ich finde sie trotzdem nicht so gelungen und geben den Beiträgen keine Qualität, das sollten sie ja eigentlich.
    Ich mochte Weltenbummlermag ehrlich gesagt auch mehr, als du die Berichte noch allein verfasst hast und nicht mit deiner Mitarbeiterin. :(
    Liebe Grüße und viel Spaß in Kanada!
    Jess

    • Marianna
      Marianna
      • 14. Oktober 2016

      Liebe Jessica,

      Danke für dein Feedback!
      Sehr schade, dass dir der Blog nicht mehr so gefällt. Aber ich hoffe du schaust trotzdem wieder vorbei. Ich mach auch bald wieder mehr Beiträge selbst, versprochen! LG

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