Als Kind träumte ich stets von einem Prinzen, der mich am Fuße meines Balkons mit der süßesten Melodie seiner Gitarre und seinem Gesang zu bezirzen versuchte. Am besten gefiel mir die Vorstellung, wie er zunächst auf seinem schwarzen Araber Hengst dahergeritten kam, um dann schwungvoll vor mir abzuspringen.

Einige Jahre später und mit deutlich geringerem Märchenkonsum, erkannte ich wohl oder übel, dass die Realität eine andere war. Mein Lebenspartner ist vom musischem Feingefühl gänzlich unberührt und scheint viel eher vom Gegenteil betroffen zu sein: einer einzigartigen Begabung, konstant aus dem Takt zu tanzen und mir stets auf den Füßen zu stehen.

Letztes Jahr dagegen sollte ich eines Besseren belehrt werden. Nein, mein Freund kann immer noch nicht tanzen, aber es gibt sie, diese Männer, die sich noch um eine Frau zu bemühen wissen. Ich musste bis nach Sumatra reisen, um diese Gattung Mann kennenlernen zu dürfen. Nahe der Stadt Berastagi in einem kleinen Dorf namens Lingga, sind sie anzutreffen.

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Beim Tunen der größtenteils schrottreifen Reisebusse sind in Indonesien der Kreativität keine Grenzen gesetzt.


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Aufspringen ist in Indonesien wortwörtlich gemeint. Kleinbusse sind stets ohne Tür und TÜV.

Um von Berastagi aus nach Lingga zu kommen, springt man am besten auf einen öffentlichen Kleinbus. Für Centbeträge gelangt man auf diese Weise zum Teil rasend schnell zum Ziel. Hierbei kommt es durchaus vor, dass man Bekanntschaft mit einem Kamikaze-Fahrer macht. Ich kann nur jedem raten, entweder während der Fahrt die Luft anzuhalten oder (davon) zu laufen.

karo-batak-lingga Verkehrsmittel

Alternativ können Abenteuerlustige auch mit einem Ojek weiterreisen


Berastagi Indonesien Blick auf den Vulkan

Die Ankunft in Berastagi wird mit der Aussicht auf den Vulkan Gunung Sibayak belohnt

In Lingga leben seit jeher die Karo-Batak, eine von sechs zu den Batak zählenden Volksgruppen aus dem Norden Sumatras. Sie gehören zu den wenigen Ethnien, die bis heute ihre Bräuche und Traditionen pflegen. Zwar breitet sich auch in Lingga der Kapitalismus aus, allerdings noch eher unmerklich. In dem friedlichen Dorf, abseits der schmutzigen und abgasverseuchten Großstädte Sumatras, besitzen nur wenige Menschen ein Auto. Die Ruhe, die über Lingga liegt, wird einem sofort bewusst, sobald man die kaum frequentierte Bushaltestelle erreicht. Hier ist Endstation. Die wenigen kleinen Häuser und Hütten, die uns bei der Ankunft umgaben, haben den Anschein, verlassen zu sein. Erst nachdem mein unmusikalischer Freund und ich weiter vordrangen, entdeckten wir spielende Kinder, die uns zunächst neugierig beäugten, um uns dann auf Schritt und Tritt zu folgen. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Die Wellblechhütten und Häuser sind rudimentär ausgestattet und zeugen vom geringen materiellen Besitz der Karo-Batak.

Berastagi Indonesien DorfIndonesien Berastagi Einwohnerkaro-batak-lingga-8

Wir konnten unseren Augen kaum trauen, als wir hier im absoluten Nirgendwo plötzlich ein Touristenbüro entdeckten. Tag ein Tag aus sitzt hier ein Dorfbewohner, um die wenigen Touristen, die nach Lingga kommen, herzlich zu empfangen. Sein Büro gleicht zwar eher einem winzigen Holzverschlag, aber zu unserer Überraschung wurden wir in nahezu fließendem Englisch begrüßt. Ganz stolz präsentierte er uns Neuankömmlingen sein Gästebuch, in das sich jeder unter Angabe seines Namens und seiner Herkunft verewigen muss. Gegen eine kleine Spende gab es einen Rundgang mit vielen Anekdoten zu der traditionsreichen Kultur der Karo-Batak.

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Wir waren sehr froh über die freundliche Gesellschaft und die vielen Auskünfte. So erfuhren wir zum Beispiel, dass es einen ganz simplen Grund dafür gab, warum wir nur so wenigen Menschen begegneten: Ein Großteil der Dorfbewohner war ausgeflogen, um ihre Ländereien zu bestellen.

Im direkten Umkreis des Touristenbüros erblickten wir dann endlich die prächtigen, traditionellen Häuser der Batak mit ihren typisch gebogenen Satteldächern. Neben den neueren Behausungen der meisten Dorfeinwohner wirkten die auf Pfählen stehenden Bauten nahezu surreal. Als ob sie jemand aus einer früheren Epoche herausgerissen hätte, um sie hier zu platzieren.

Architektur im indonesischen SumatraArchitektur im indonesischen Sumatra

Die Holzfassaden der traditionellen Batak-Häuser sind mit Schnitzereien und bunten Musterformationen versehen. Die Hörner eines Büffels, die auf jedem Strohsatteldach thronen, sollen die Bewohner des Hauses vor bösen Geistern schützen und sind gleichzeitig Erkennungsmerkmal der Karo-Batak. Die Bauweise der Batak ist an ihre Ahnenverehrung sowie ihrem animistischen Glauben angelehnt. So besteht ein traditionelles Haus aus drei Ebenen. Der Unterbau stellt die Unterwelt mit ihren animalischen Trieben dar. Hier werden vor allem Tiere gehalten. Über eine kleine Treppe kann die Mittelebene erreicht werden. Dies entspricht der Wohnebene der Hausbewohner. Für unsere individualistische Gesellschaft fast unvorstellbar, aber hier leben alle Generationen einer Familiensippe auf engstem Raum beisammen. Diese Ebene soll die hiesige menschliche Welt symbolisieren. Der Dachboden ist der Welt der Ahnen und Götter gewidmet und ist deshalb frei von jeglichem Nutzen.

Architektur im indonesischen Sumatra

Architektur im indonesischen Sumatra

Der Eingang eines Batak Hauses hat zweitrangig die Funktion eines Gebärstuhls: links und rechts des Durchgangs befinden sich Haltegriffe für die werdende Mutter.

Einblick in ein indonesisches Dorf auf SumatraEinblick in ein indonesisches Dorf auf Sumatra

Enge Familienstrukturen wie diese bedürfen starker Reglementierungen, an die sich jedes Familienmitglied halten muss. So wird den alten Bräuchen entsprechend bei internen Auseinandersetzungen der Familienälteste um Rat gefragt. Er fungiert als Schlichter. Dabei hört er sich alle Parteien an, erteilt aber keine Ratschläge, wie man nun meinen möchte. Nein, er befiehlt einen Lösungsweg, dem alle ohne Murren zu folgen haben. Auf diese Weise ist ein Problem in der Tat schnell und effektiv behoben, nur bezweifle ich, dass jede Partei zufrieden ist.

traditionelle Handwerkstechniken auf Sumatra

Neben der Landwirtschaft betreiben die Batak viele traditionelle Handwerkstechniken

Dorf auf Sumatra in Indonesien

Jetzt fragt Ihr Euch sicherlich, wo nun die musisch feinfühligen Männer bleiben. Nun es ist so: Alle männlichen Jugendlichen ziehen beim Erreichen der Pubertät aus ihrem Elternhaus aus und leben bis zu ihrer Hochzeit in einem für die Junggesellen vorbestimmten Haus. Von Kindesbeinen an lernen sie den Umgang mit Instrumenten, insbesondere der Flöte, und auch im Gesang müssen sie sich beweisen. Um ihrer Herzensdame ihre Liebe zu offenbaren, legen sie sich mit ihrer Flöte so richtig ins Zeug. Die Begehrteste aller Damen entscheidet sich schließlich auch für den begnadetsten Musiker. Mit dem Segen des Familienältesten steht einer Vermählung sodann auch nichts mehr im Wege. In der Tat sind wir auf unserer Reise durch Sumatra vielen talentierten Musikern begegnet. Ich bin meine Gänsehaut nicht mehr losgeworden, so schön waren die musikalischen Einlagen, die wir zu hören bekamen.

Wenn Ihr nun glaubt, dass es jetzt noch so romantisch weitergeht, muss ich Euch leider enttäuschen. Neben ihrer Musik sind die Karo-Batak für Kopfjagd und rituellen Kannibalismus bekannt, kein Scherz! Zum Glück nicht mehr in der heutigen Zeit, ansonsten wären wir als Nicht-Batak wahrscheinlich schon längst geköpft worden. Die Karo-Batak haben stets kurzen Prozess mit Fremden und Feinden gemacht. Bei Auseinandersetzungen wurden auch Kinder nicht verschont. Ganz im Gegenteil, Kinderfleisch war eine begehrte Zutat für ihren animistischen Zaubertrunk, auch Pupuk genannt. Die noch heute vielerorts angebotenen, halluzinogenen Pilze sind ebenfalls ein Überbleibsel aus der damaligen Zeit. Pizza à la Fungi bekommt hier in Sumatra eine ganz neue Dimension.

Indonesisches Dorf auf Sumatra

Indonesisches Dorf auf Sumatra Kleinladen

Viele Haushalte bessern die Familienkasse durch den Verkauf von Snacks und Kleinwaren auf. Hier werden Erdnüsse getrocknet.

Bei unserem Besuch haben wir zum Glück von alledem nichts zu spüren bekommen. Wir wurden sehr herzlich empfangen und waren willkommen. Rückblickend gibt es lediglich eine Erinnerung, die mir nach wie vor Bauchschmerzen bereitet. In der indonesischen Küche findet Hundefleisch häufig Verwendung. Dieses mag einigen schlimm erscheinen, dabei sollte man berücksichtigen, dass viele Christen Schweine- und Rindfleisch verzehren, was weder Hindus noch Muslime gut heißen. Was mich schockiert hat ist die Art und Weise wie zum Essen bestimmte Hunde gehalten werden. Auf unserem Rückweg zur Bushaltestelle fanden wir in Säcken eingeschnürte und angekettete Hunde vor. Lediglich ihre Köpfe schauten heraus. Das Gejaule war herzzerreißend und ich werde es mein Leben lang nicht vergessen. Das Schlimmste dabei war, dass wir unter den gegebenen Umständen machtlos waren und diese armen Geschöpfe nicht befreien konnten.

Mörderische Riten auf SumatraMörderische Riten auf Sumatra

Trotz dieser belastenden Erfahrung möchte ich die Menschen, die hinter dieser Tierhaltung stehen, nicht als ‚barbarisch‘ verurteilen. Der Umgang mit Tieren wurde ihnen von klein auf so vorgelebt. Das Verständnis für Tiere ist ein völlig anderes. Ich für meinen Teil würde mir wünschen, dass der Mensch einen respektvolleren Umgang mit Tieren jeglicher Art erlernt. Ich beziehe dieses nicht nur auf die Menschen in Indonesien, sondern genauso auf die übrige Welt und die dort besonders in Industriestaaten praktizierte Massentierhaltung.

Einwohner im indonesischen Sumatra

Zum Abschluss will ich noch eine Kleinigkeit gerade stellen. Auch wenn ich von den musikalischen Gepflogenheiten der Batak sehr angetan war, ist mein außer Takt tanzender Freund durch nichts zu ersetzen. Glücklicherweise scheint er sich im Gegensatz zu den früheren Karo-Batak nichts aus Kopfjagd und Kannibalismus zu machen und ich hoffe das bleibt auch so.

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Anita Kisiala

von

Anita und ihr Freund sind Gründer sowie Herz und Seele von YouKeepUsTraveling. Gemeinsam realisieren sie soziale und umweltfreundliche Projekte, die sich ihnen auf ihrer Reise um die Welt offenbaren. Ihre Webseite ist eine Mischung aus Travel Blog und Crowdfunding und zeigt eindrucksvoll, dass Spaß und soziales Engagement durchaus zu vereinen sind. Buch-Publikation: Der Einfluss von Aufklärungsstrategien auf Bildungsprozesse.

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(19) Kommentare Schreib mir was!

  1. Timo
    • 9. Mai 2014

    Tolle Beschreibung mit fotografischen Darstellungen eines verschlafenen Sumatra.

    Liebe Grüße

    Timo

    • Marianna
      Marianna
      • 14. Mai 2014

      Schön, dass dir der Gastbeitrag gefällt. Freut mich natürlich sehr!

  2. Klaus-Henopp
    • 10. Mai 2014

    Eine sehr schöne Seite. Sehr gute Texte und Bilder.

    • Marianna
      Marianna
      • 14. Mai 2014

      Herzlichen Dank!

  3. Jutta
    • 11. Mai 2014

    Sehr ausführlicher, schöner Bericht !

    • Marianna
      Marianna
      • 14. Mai 2014

      Find ich auch. Schau auch mal auf der Seite von Anita vorbei, da gibt es noch mehr zum Stöbern.

  4. Eea
    • 12. Mai 2014

    Ich hätte ewig weiterlesen können…. ♥

      • 12. Mai 2014

      Das freut mich sehr! Ich hätte noch ewig weiterschreiben können, aber irgendwann muss man zu einem Ende kommen ;-)

    • 14. Mai 2014

    Liebe Anita, liebe Marianna,
    ich durfte die Karo-Batak auf meiner ersten Fernreise besuchen und habe mich in dem Artikel total wiedergefunden. Was für schöne Erinnerungen und Bilder! Besonders das Touristenbüro ist wirklich sehr lustig. Die verrückten Autos und buckeligen Pisten habe ich auch noch sehr gut in Erinnerung. Und das freundliche Wesen der Menschen bleibt einem noch lange im Herzen.
    Gutes Reisen und schöne Grüße aus Köln,
    Elisabeth

      • 15. Mai 2014

      Liebe Elisabeth, es ist immer wieder schön auf Menschen zu treffen, die ähnliche Reiseerfahrungen gemacht haben. Umso mehr freut es mich, dass Du Dich im Artikel wiedergefunden hast und Du vielleicht auf diese Weise Deine Erinnerungen wiederbeleben konntest. Ich werde die liebenswürdige Art der Menschen aus Sumatra ebenfalls nie vergessen und hoffe, dass es nicht unser letzter Besuch war!

    • 21. Mai 2014

    Wirklich schöner Bericht und tolle Bilder. Über die Sache mit den Hunden war ich sehr geschockt, aber ich finde, dass Anita sehr passende Worte gefunden hat. Insofern schliesse ich mich einfach ihrem Wunsch an, dass wir ganz dringend und überall auf der Welt unseren Umgang mit Tieren verändern müssen.

      • 22. Mai 2014

      Danke Dir Beatrice! Ich arbeite noch an einer Idee wie Menschen im Umgang mit Tieren sensibilisiert werden könnten. ;-) Da sich die Menschen weltweit unterschiedlichen Problemen gegenüber gestellt sehen und dazu verschiedene kulturelle Hintergründe sowie Wertevorstellungen haben, ist es nicht einfach passende Sensibilsierungsmaßnahmen zu finden…

  5. Patric
    • 29. Juni 2014

    Ist das mit dem Kannibalen-Hintergrund der Karo-Batak wirklich bewiesen? Gibts wissenschaftliche Beweise hierzu?

    Cooler Reise-Bericht!

    Grüsse aus Usbekistan

      • 30. Juni 2014

      Danke ;-) Zu der wissenschaftlichen Lage kann ich Dir nur so viel sagen: Es gibt in der Tat Abhandlungen zu den Batak, die allerdings nur besagen, dass die Batak ‘als Kannibalen galten’. Hierzu müsste man Herrn Dr. Achim Sibeth (Kunsthistoriker und Ethnologe) befragen, der sich mit den Batak auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzt, ob es denn genauere Befunde gibt. Laut verschiedensten Überlieferungen waren die Vorfahren der Karo-Batak jedenfalls Kannibalen und bei unserer Reise durch Sumatra wurde uns immer wieder davon berichtet. Liebe Grüße nach Usbekistan!

  6. Patric
    • 2. Juli 2014

    Danke vielmals!
    Ich habe einmal eine Sendung gehört, in welcher aufgezeigt wurde, dass der Kannibalismus einigen Stämmen nur angedichtet wurde, von ihren weissen Entdeckern. Was natürlich nicht auf alle Fälle in der Welt zutrifft.
    Liebe Grüsse aus (jetzt) Kyrgystan

    • 5. Juli 2014

    “Das Dumme an Zitaten aus dem Internet ist, dass man nie weiß, ob sie wahr sind.” Leonardo da Vinci ;-)
    Ich stimme Dir absolut zu, aber in diesem Fall bin ich, nach allem was wir erlebt und zu den Batak gelesen haben, überzeugt, dass es den Tatsachen entspricht.
    Viele Grüße nach (jetzt) Kyrgystan

  7. Patric
    • 5. Juli 2014

    Danke & Liebe Grüsse!

    • 19. Juni 2015

    Ich war auch zweimal in Indonesien und bin ebenfalls begeistert von diesem Land. Deine Bilder und Deine Beschreibung der Reise haben mir sehr gefallen.

      • 21. Juni 2015

      Hallo Achim, das freut mich sehr! Vielen Dank. Ich würde auch am liebsten gleich wieder nach Indonesien reisen. Es gibt dort so viel zu entdecken und die Menschen sind unglaublich warmherzig. Auf welchen Pfaden warst Du unterwegs?

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